Die Schweiz als Kuriosität

Kapitel 4: „Die Freizeit der Frau ist mit Pflichten belegt. Wo sollen wir solche Pflichten abbauen? Doch nicht etwa bei unserer sozialen Arbeit? Das Frauenstimmrecht ist eine unverständliche Zumutung für den Grossteil der Frauen.“ (Churer Hausfrau zur kantonalen Abstimmung 1968)

In einem Srf Archiv Video werden Plakate gegen das Frauenstimm- und Wahlrecht gezeigt: zum Video.

Diagramm: Janina Rageth

Das offene politische System der Schweiz

In England sowie den USA gab es eine verantwortliche Regierungspartei und somit auch einen Sündenbock für das fehlende Frauenstimmrecht. In der Schweiz fehlte dies, da die letzte Entscheidung beim Volk lag. Somit kann nicht argumentiert werden, dass das Volk für das Frauenstimmrecht ist, aber es durch die Regierungspartei blockiert wird. In der Schweiz bedeutete die Ablehnung klar, dass das Volk gegen das Frauenstimmrecht war. Aus Angst vor so einer Ablehnung ging man viel vorsichtiger mit der Thematik um.

Zusätzlich ging es beispielsweise in England um 1918 auch um die Erweiterung der Stimmrechte für Männer. Hauptthema war nicht das Recht der Frauen sondern eine Demokratisierung des Staates. In der Schweiz erhielten alle Männer 1848 bereits das Stimmrecht. Es wurde also einzig darüber diskutiert, ob Frauen miteinbezogen werden sollen oder nicht, was die Diskussion erschwerte.

Populistische Stimmrechtsgegner

Populismus beschreibt eine volksnahe Politik, welche durch die Dramatisierung der politischen Lage die Mehrheit des Volkes für sich überzeugen kann. Eine populistische Politik wurde auch von den Frauenstimmrechtsgegner genutzt. Sie zeigten sich als Gegner zur Elite und behaupteten als einzige den Volkswillen zu verstehen. So konnten viele davon überzeugt werden, gegen das Frauenstimmrecht zu stimmen.

Beispielsweise bezeichnete Dr. Paul Ronus, Stimmrechtsgegner, in seinen „Gedanken eines Nicht Intellektuellen“ (hat er seinen Doktortitel gewonnen?) das Frauenstimmrecht als „fremdländisches Importprodukt“ und lobt die „schweizerische Bodenständigkeit“.

Die Regierung war fortschrittlicher als das Volk / Das Volk war fortschrittlicher als die Regierung

Hier ist man sich nicht einig. Auf der einen Seite war eine Mehrheit des National- und Ständerates bei der ersten eidgenössischen Abstimmung über das Frauenstimm- und Wahlrecht 1959 für eine Einführung. Demnach war das Volk verantwortlich für die Niederlage.

Gegenstimmen argumentieren jedoch, dass die Ja-Stimmen im National- und Ständerat rein taktischer Natur waren. Man ging davon aus, dass die Vorlage sowieso nicht angenommen werde und dadurch konnte man bei einer Ablehnung die Schuld dem Volk zuschieben. Ein weiteres Argument ist die Tatsache, dass der Bundesrat bereits 1919 mit der Stimmrechtsfrage beauftragt wurde und es aber 40 Jahre dauerte bis die Vorlage dem Parlament gegeben wurde.

Meiner Meinung nach war der Grossteil der Regierung sowie des Volkes von konservativen und traditionellen Ideologien geprägt.

Traditionelle Familien- und Rollenbilder

Was sagen Frauenstimmrechtsgegner? Ein Srf Archiv Video gibt uns Auskunft: zum Video.

Das traditionelle Familienbild war in der Schweiz lange und ist auch bis heute noch tief in unseren Köpfen verankert: Ein Mann, der arbeitet, eine Frau, die am Herd steht, und die gemeinsamen Kinder. Wie schon Brigitte Cadosch im letzten Kapitel erzählt hat, wurden beispielsweise alleinerziehende Mütter oder Schwangerschaften vor der Ehe überhaupt nicht geschätzt oder gar verachtet. Plakate gegen das Stimmrecht warnen davor, dass die Frauen durch den Erhalt des Stimm- und Wahlrechts ihren mütterlichen Pflichten nicht mehr nachkommen könnten und so Kinder und Haushalt verwahrlosen würden. Das Rollenbild von Mann und Frau war geprägt von der klaren Arbeitsteilung, was schon im kindlichen Alter anfing:

Doch Mann und Frau waren auch klar durch ihre „typischen“ Charaktereigenschaften definiert. Während Männer stark und emotionslos zu sein hatten, galten Frauen als fürsorglich und gefühlvoll. Diese Stereotypen sind bis heute noch nicht ganz verschwunden, was Männern sowie Frauen schadet. Doch dieser stereotypisierten Frau voller Gefühle wurde damals noch die politische Unfähigkeit zugeschrieben. Dass die Frau eine andere Denkweise in die Politik bringen könnte, war aber nicht von allen verpönt. Auch Brigitte Cadosch fand bei einer Diskussion mit ihrem Mann, dass die „weibliche Sichtweise“ auf die Thematik berücksichtigt werden sollte:

Diese tradtionellen Rollenbilder und Stereotypen können auf den Code Civil, welcher das erste Mal 1807 unter Napoleon als französisches Gesetzbuch zum Zivilrecht eingeführt wurde, zurück geführt werden. Ein Grossteil der heutigen Schweiz wurde von Frankreich 1799 eingenommen und besetzt, darunter auch Graubünden. Der Code Civil beinhaltete folgenden Satz: „Der Mann ist seiner Frau Schutz, die Frau ihrem Manne Gehorsam schuldig.“

Wehrpflicht

Alle Schweizer Bürger sind wehrpflichtig, Schweizer Bürgerinnen nicht. Mit dieser Begründung versuchte man auch das fehlende Stimmrecht für Frauen zu rechtfertigen. Traditionell besteht ein Zusammenhang zwischen Wehrpflicht und Stimmrecht. Denn es sollte denjenigen möglich sein, die in den Krieg ziehen müssen, zu bestimmen, ob man Krieg führt oder nicht. Allerdings war dies nie gesetzlich vorgeschrieben, dass die Wehrpflicht als Voraussetzung gilt, stimmberechtigt zu sein. Wiedereinmal beruften sich Gegner auf Tradition und Konservatismus.

Kleinräumigkeit der Schweiz

Die Schweiz ist klein und dies stellte sich als Nachteil im Kampf für das Frauenstimmrecht heraus. Nach dem Motto „jeder kennt jeden“ war es sehr schwierig sich für das Frauenstimmrecht einzusetzen, ohne dass am nächsten Tag gleich das ganze Dorf davon wusste. Dies schreckte wohl viele davon ab, sich öffentlich dafür einzusetzen und jene, die sich trauten, begnügten sich oft mit sanfteren und unauffälligeren Methoden wie die Verteilung von Flugblättern. An eine Aktion wie der Hungerstreik von den englischen Suffragetten, war in der kleinen Schweiz kaum zu denken. Ausserdem wurde die Thematik in kleinen Dörfern oft auch nicht wirklich diskutiert:

Gerade Graubünden ist der am dünnsten besiedelte Kanton der Schweiz. Und doch wurde genau in diesem Kanton eine der bekanntesten Frauenrechtskämpferinnen der Schweiz geboren. Wer war sie? Und wieso setzte sie sich als eine der Ersten für die Rechte von Frauen ein? Im letzten Kapitel endet unsere Reise im 19. Jahrhundert. Eine Zeit, in welcher kaum jemand überhaupt ans Frauenstimmrecht dachte, geschweige denn davon sprach. Eine Zeit, in welcher eine gewisse Bündner Adlige genau dies tat.